Artikel zu verschiedenen Boxkämpfen

Literaturtip Literatur:
Vitali Klitschko
Wladimir Klitschko Unser Fitnessbuch Graefe und Unzer, 2002
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Literaturtip Literatur:
Vitali Klitschko, Wladimir Klitschko, Fred Sellin:
Unter Brüdern. Random
House, München 2004. Seiten 416,
zahlreiche Farbfotos,
Hardcover, Schutzumschlag.
ISBN 3–8090–3025–2. Euro 22,90.
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Aktualisiert: 02.05.2006   DruckenKontakt oder Feetback

Psychologische Analyse des Kampfes Wladimir Klitschko vs. Lamon Brewster

10. April 2004, Las Vegas

Gut ein Jahr nach dem Desaster gegen Corrie Sanders kassierte Wladimir Klitschko seine nunmehr dritte Niederlage. Die tat nicht nur ihm weh, sondern auch den Fans, die nach dem Sanders-Kampf sicher nicht „ abgehärtet ” sind. Manche sind ratlos, einige vermutlich wütend, andere vielleicht sogar verzweifelt. Gefühle über Gefühle! Und damit ist man eigentlich schon am Kern der Sache, wenn man dieses Ergebnis verstehen möchte. Dazu bedarf es einer psychologischen Analyse, die nicht der Entschuldigung, sondern der Erklärung und der Einordnung dienen soll.

Verspannte Zukunft: „ Ich muss erfolgreich sein!

Das Ziel eines Kämpfers ist der Sieg. Logisch. Doch dieses mehrfache „ Es Muss ”, in den dieser eine Kampf eingebettet war, weist eine Vielzahl objektiver Belastungsfaktoren mit einer ( eigentlich ) ungünstigen Prognose für den so Belasteten auf.

Es stand fest, dass dies ein entscheidender Kampf sein würde, da Wladimir bereits zwei Niederlagen in seiner Karriere eingesteckt hatte. Zwei sind ja noch o.k., die hatte Lennox Lewis ebenfalls, aber damit sollte es auch gut sein. Hier steckt das tatsächliche und auch nachvollziehbare Muss eines Sieges für diesen speziellen Kampf.

Zu dem persönlichen Druck des so genannten „ Schicksalskampfes ” kam jedoch der lang gehegte „ ukrainische Traum ” hinzu. Damit hatte Wladimir die doppelte Verantwortung auf den Schultern, denn er musste ja – trotz ungünstiger Voraussetzungen – vorlegen! Er hatte also nicht nur sich, sondern auch das ergeizige Ziel seines Bruder im Kopf ( zu haben! ). Das war ein zweites „ Es Muss ”, zu dem sich ein drittes mit weiteren Stressfaktoren gesellte: Die Klitschkos wollten endlich den Durchbruch in den USA schaffen, lagen im Clinch mit ihrem alten Promoter, hatten eine neue Firma gegründet. Und vor lauter hoch gesteckten Zielen kam es dann zum Fehlschluss: Der Sieg muss obendrein eindrucksvoll ( KO ) und schnell eingefahren werden!

Damit hatte man sich selbst ein Damoklesschwert über die Tür gehängt. Aber das scheint im Vorfeld niemandem wirklich in seiner ganzen Brisanz aufgefallen zu sein. Fakt ist, dass man Wladimir a priori in ein Setting der totalen Überforderung gesteckt hatte. Das ist strategisch unklug und auch unfair, weil man dabei „ vergessen ” hat, dass er ein Mensch ist und kein auf Knopfdruck funktionierender Roboter oder gar eine Schachfigur. Ein Setting dieser Art bietet in jedem Falle die besten Voraussetzungen für die Gefahr des Überpacens im Ring. Zu allem Übel kam ein Trainerwechsel hinzu. Doch dazu später.

Verkrampfte Vergangenheit: „ Ich habe schon einmal versagt .”

Die psychologischen Voraussetzungen für diesen Kampf waren durch die ( selbst ) gesetzten Rahmenbedingungen schon denkbar schlecht. Man kann sie so zusammenfassen: Das Bevorstehende stand unter den Vorzeichen Druck, Druck und nochmals Druck!

Doch es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit und Gegenwart. Alles, was in der nahen Zukunft geleistet werden soll, basiert immer auch auf dem, was in der Vergangenheit getan oder unterlassen wurde. Und hier wurde mit ziemlicher Sicherheit eine Menge versäumt. Allem voran die Aufarbeitung des Sanders–Traumas.

Wladimir hat dieses Trauma ganz sicher nicht verarbeitet. Genauer: all die damit verbundenen Gefühle, die ganz normalen Ängste, der Frust, der verletzte Stolz, die Schamgefühle und die Wut wurden psychologisch nicht aufgearbeitet; vermutlich weggedrängt, „ rationalisiert ”, verleugnet. Den meisten Menschen ist noch nicht einmal ansatzweise klar, was für ein kapitaler Fehler das ist. Unter anderem führt die Nichtaufarbeitung dazu, dass Situationen mit ähnlichen Stressvariablen nicht mehr kontrollierbar sind. Das ist so! Und das Tragische dabei ist: wenn man es merkt, ist es zu spät. Es sind diese so genannten Flashbacks, die jederzeit wiederkommen können; v.a. und gerade im Ring, wo das Ganze ja seinen Ursprung hatte…

Aber auch schon vor dem Kampf kann es passieren. Es ist – wie gesagt – nicht kontrollierbar. Ein Rollback, der einen Menschen psychisch voll ins traumatische Szenario zurück katapultiert, droht ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu über–rollen. Physische Variablen ziehen nach und beeinträchtigen die Körperfunktionen. Man atmet falsch, im Bauch rumort es, die Knie können weich werden, im Kopf macht sich bald ein Black–out bemerkbar, das Gefühl der „ Leere ” und völligen Kraftlosigkeit breitet sich aus und führt früher oder später zu Wahrnehmungsstörungen. Mit anderen Worten: Man ist nicht mehr bei sich, steht neben sich.

Adrenalinausstöße, die evolutionsgeschichtlich eine tolle Erfindung sind, weil durch sie sehr schnell sehr viel Energie zum Weglaufen bereitgestellt wird, tun ein Übriges, denn diese Energie kann nicht mehr konstruktiv genutzt werden. Sie ist aber da und entfaltet ihre Wirkung. Sie beschleunigt das Flashback–Erleben.

Um es scharf zu formulieren: im Grunde hat man im Vorfeld alles dazu getan, um dieses Trauma „ wieder auferstehen ” zu lassen, es zu re–inszenieren. Aus der Sicht der Psychologin macht das wütend, weil es so unnötig ist und weil es kurz–, mittel– und langfristig so destruktive Folgen hat.

Marschroute ins Abenteuerland

Unter den skizzierten Voraussetzungen hatte man sich quasi selbst umzingelt. Kein Mensch kann unter derartigen Vorbedingungen entspannt sein und gute Ergebnisse erlangen. Das wäre die Quadratur des Kreises für Körper, Geist und Seele.

Doch man beging noch weitere kapitale Fehler im Vorfeld. Der Trainerwechsel gehört mit Sicherheit dazu; nicht, weil Steward ein schlechterer Trainer ist als Sdunek, sondern weil dadurch noch ein Faktor ins Spiel gebracht wurde, der Neues, Unvertrautes, Überraschendes, nicht Abwägbares bereithalten musste.

Emanuel Steward kann Wladimir nicht so gut kennen wie Fritz Sdunek, der Wladimir aufgebaut hat. Die beiden haben eine gemeinsame Vergangenheit. Sdunek kennt alle Hintergründe, Schwächen, Stärken, Gestik, Mimik, die ganze Persönlichkeit.

Wie falsch die Trainerentscheidung war, zeigte dann die Marschroute. Sie verkannte die Komplexität der Hintergründe vollständig. Den Sieg schnell und eindrucksvoll zu wollen; das durfte unter den o.g. Voraussetzungen niemals sein! Damit hatte man sich so richtig auf ein Abenteuer eingelassen, und von Abenteuern ist bekannt, dass ihr Ausgang ungewisser ist als bei einfachen Reiseplanungen… Clever wäre gewesen, ihn mental auf 12 Runden ( Punktesieg ) einzustellen. Die „Erfindung der Langsamkeit” für Klitschko Junior wäre vermutlich die einzig sichere Reiseroute Richtung Sieg gewesen. Genau das wurde offensichtlich nicht getan.

Wie falsch die Trainerentscheidung war, zeigten auch das nicht rechtzeitige Erkennen des Überpacens und viele andere Kleinigkeiten, die in der Summe jedoch das Wesentliche ausmachten. Steward hat eben nicht wahrgenommen, dass schon in Runde zwei etwas nicht stimmen konnte. Nach Runde drei sagte er gar „ beautiful fight ” und merkte nicht, dass da jemand total überdrehte. In Runde vier knallte Brewster zwar auf den Boden, aber das Wesentliche war, dass Wladimir hinterher stolperte; und das nicht aus Versehen, sondern unkontrolliert! Zu diesem Zeitpunkt wäre ein Bremsmanöver dringend notwendig gewesen. Es kam aber keine Ansage von Steward. Nichts.

Emotionale Ausweichmanöver

Wladimir sagte zu seiner Trainerentscheidung, er wollte was Neues und auch generell immer etwas dazulernen. Das ist schön und gut. Die Frage ist nur, in welchem Bereich will er Neues? Er meinte wohl die Technik. Hatte er sich da aber zur richtigen Zeit den richtigen Bereich ausgesucht? Antwort: nein. Wenn man das x–te Mal um eine WM boxt, ist man nicht mehr in der Phase der Lehr- und Lernjahre, um kurz davor grundsätzlich Neues oder Anderes zu erlernen. Man sollte im Hinblick auf einen Schicksalskampf nicht experimentieren. Um Wladimir selbst zu zitieren: er wollte wissen, ob er in der Championsleague oder nur in der Bundesliga boxt. Damit hatte er die Messlatte viel zu hoch gelegt und zudem einen schlechten Vergleich bemüht, denn er hat zum falschen Zeitpunkt viel zu viel Neues ausprobiert, anstatt die „ Bundesliga ” solide auszubauen und dann darauf aufzubauen. Gleichwohl hätte er etwas Neues lernen können; etwas über sich selbst, nämlich: Wie arbeite ich das Sanders–Trauma am besten auf? Dazu gehört nicht nur Mut, sondern auch der Wille zur Selbsterkenntnis. Hätte er das aufgebracht, wären sicher auch Gefühle der Wut und Enttäuschung gegenüber Sdunek ans Tageslicht gekommen. Ob zu Recht oder zu Unrecht ist dabei völlig egal. Es geht um Klarheit im Inneren, um Aussprache und Zwiesprache. All das hat er jedoch abgewehrt und sauber umschifft, ist ausgewichen, hat den Trainer ersetzt. Und genau dafür hat er am Ende eine hohe Rechnung erhalten.

Scheinbar kognitive Ausweichmanöver

Die Ursache für die Fehlentscheidung des Trainerwechsels liegt vermutlich nicht nur in der fehlenden Bereitschaft, sich mit Gefühlswelten auseinander zu setzen, sondern auch in Wladimirs Attributionsschema von Erfolg und Misserfolg und den damit verbundenen Schlussfolgerungen und Handlungen.

Attribution ” ( Zuschreibung ) bedeutet in einfachen Worten: Man kann Erfolge oder Misserfolge sich selbst (internal: „ ich habe das geleistet ”, „ ich habe das vermasselt ”) oder anderen (external: Person X oder Umstand Y ist verantwortlich ) zuschreiben. Manche sind in ihren Zuschreibungen sehr starr und schreiben beispielsweise Erfolg grundsätzlich intern/sich selbst und Misserfolge immer external/anderen zu. Dieses Schema könnte auf Wladimir zutreffen, denn im Falle von Misserfolg sucht er sich z. B. weitere Trainer ( externale Faktoren ), während andere eher umso härter trainieren (internal: „ ich muss…, ich werde… ”).

Der kritische Punkt bei der Zuschreibung sind mögliche Fehleinschätzungen, was die tatsächlichen Ursachen von Erfolg und Misserfolg angeht. Fehleinschätzungen können dann zu Fehlverhalten führen. Die eigene Leistung wird man so nicht verbessern. Aber man könnte den Kampf verlieren, weil man die wirklichen Ursachen nicht erkannt und die falschen Faktoren hinzugefügt hat.

Wenn man dann den nächsten Kampf wieder verliert und erneut externe Faktoren ( Blutzuckerspiegel ) für den Misserfolg sucht, steckt man in einem Teufelskreis von Fehlschlüssen und Fehlentscheidungen und zeigt zudem, dass man gar nicht wissen will, woran es wirklich lag. Der einzige „ Vorteil ” dabei ist, dass man sich mit dem eigentlichen Problem nicht auseinandersetzen muss.

Auch Steward ging ko

Zweifelsohne ist Sdunek für Wladimir mental unbequemer, weil er ihn so gut kennt und ihn daher mit der Nase auf das stoßen kann, was falsch oder schräg ist. Aber das Unbequeme ist halt nicht selten das Realistische(re).

Sich von Sduneks sachlicher Bescheidenheit und vorbildlicher Solidarität eine ordentliche Scheibe abzuschneiden, wäre auch für Wladimir eine kluge Strategie gewesen. Das ist im Erfolgsfall zwar weniger spektakulär; im Falle des Misserfolges aber auch. Letzteres, nämlich spektakuläre Misserfolge, hatte Wladimir Klitschko eigentlich schon zur Genüge abgeliefert. Und Sdunek wusste und weiß, woran es lag. Er kann ihn einschätzen und weiß sicherlich auch, dass Wladimir sich selbst nicht so gut einschätzen kann und zu spontanen und unüberlegten Handlungen neigt. Da ist der Unterschied.

Steward hingegen wurde als Startrainer gefeiert, als „ Der Motivator” bezeichnet, der Mann für Come-backs. Für andere Boxer mag das ja perfekt sein. Für Wladimir war es genau verkehrt. So dürfte Stewards Anrede als „ The Champ ” völlig sinnfrei gewesen sein und den Druck, also die Belastungsfaktoren, nur noch mehr erhöht haben. Er verklärte damit die Realität, den realistischen Status Quo durch die Vorwegnahme des Resultats. Doch der Kampf entscheidet sich erst während des Kampfes… und natürlich im Kopf. Aber diesen Kopf kennt er ja gar nicht!

Unklug war es auch, der Presse zu verkünden, dass Wladimir seinen Gegner in den ersten Runden oder vor Runde 7 k.o. schlagen würde. Wieder dieser Druck…

Doch Wladimir brauchte zu jenem Zeitpunkt alles, nur keine Erhöhung der Motivation, eben keinen Motivator, sondern einen umsichtigen, klugen Bremser. Mit einem Trainer, der ihn in– und auswendig kennt; ihn auf den Boden der Tatsachen bringen kann, wäre während des Kampfes schon der Ansatz des Überpacens im Keim erstickt worden. Doch ausgerechnet den Bremser bremste Wladimir aus, und den Motivator stellte er ein. Die Folge war eine Übermotivation; also noch eine beste Voraussetzung für Black–outs oder Überpacen…

Man sieht den Regenbogen nicht

Der Kampf zeigte eindrucksvoll, dass es „ Das Überpacen ” nicht gibt. Es gibt noch keine Psychologie des Boxens, kaum empirische Untersuchungen. Doch für die Problematik des Überpacens beim Boxen kann man m.E. mindestens zwei Arten annehmen:

A) Das vor allem physisch verursachte Überpacen wie es z.B. beim Kampf Krasniqi gegen Saleta zu sehen war.

B) Das psychisch verursachte Überpacen, das selbst die beste Kondition zunichte macht, weil der Körper nicht die dominierende Kraftquelle ist; sondern Geist und Psyche, die aber durch Belastungsfaktoren negativ geprägt sind und damit jederzeit zu Kontrollverlust führen können.

Brewster, der dem Geschehen am nächsten war, gab einen Hinweis darauf. Er sagte, er hätte bemerkt, dass Wladimir bereits in Runde zwei schwerer geatmet hätte. An den physischen Voraussetzungen - wie einer angeblich schlechten Kondition – kann es definitiv nicht gelegen haben. Denn: auch wenn ich bestens austrainiert einen Marathon laufe und beginne vor lauter Euphorie oder Ergeiz zu schnell, dann atme ich auf Kilometer X auch zu schwer. Mache ich weiter ( und hindert mich niemand daran ), folgt auf mein Hochgefühl ein übles Tief, und ich zahle früher oder später den Preis für meinen Übermut. Das ist das eine. Das andere ist: wenn ich viel Kraft aufbringen muss, um ein nicht aufgearbeitetes Trauma wegzudrängen, gerät mein ganzer Körper unter Stress. Eine Folge: ich atme auch in diesem Falle falsch, und das verändert selbstverständlich mein inneres Erleben und mein Verhalten; auch das zieht weitere Folgen nach sich. Körperliche Reaktionen geraten so aus der Balance... Und dazu gibt es noch eine Rückkoppelung und noch eine und noch eine! All das passiert besonders leicht, wenn Körper, Geist und Seele schon vorher de–balanciert waren und nur durch die Verdrängung als Kraftakt immer wieder ins Lot gebracht wurden; aber eben niemals grundsätzlich und nicht nachhaltig.

Das Credo der „ Sweet Science ” – „ They never come back ” – findet genau hier immer wieder seine Bestätigung. Dies wäre bei Wladimir, der noch jung genug ist, jedoch nicht nötig. Wie soll das gehen? Antwort: Er müsste über seinen eigenen Schatten springen und sich von seinem stockkonservativen Männlichkeitsbild ( „Ich bin ein Mann, ich brauche keinen Trost ” und ähnlicher Unsinn mehr) verabschieden. Es ist nicht unmännlich, wenn man sich professionelle Hilfe holt, um zu einer adäquaten Situationsanalyse zu kommen. Im Gegenteil. Es ist ein Zeichen von Klugheit, Inneneinsicht, professioneller strategischer Planung und Stärke. Das hat er bislang nicht gezeigt.

Was wäre zu tun ( gewesen )?

Der „ Trainingsweltmeister ” ist ein Phänomen, das seit längerer Zeit bekannt ist: ein Sportler, der alle Voraussetzungen und Fähigkeiten für einen ganz Großen mitbringt, aber in ( manchen ) Wettkämpfen versagt. So scheitern sogar Mega–Talente, wenn man nicht eingreift. Wirklich ernste Gefahr besteht, wenn ein Sportler nach schweren Verletzungen oder Niederlagen nicht mehr an die frühere physische und/oder mentale Leistungsfähigkeit anknüpfen kann. Sebastian Deißler war so ein Fall.

Ein/e erfahrene/r Psychologe/in kann das jedoch rechtzeitig erkennen und die richtigen Gegenmaßnahmen einleiten. Ab einem bestimmten Punkt ist ein Eingreifen jedoch nicht mehr möglich. Hoffen wir, dass dies bei Klitschko Junior nicht der Fall ist. Für ihn wären mehrere Sitzungen nötig, in denen er sich ernsthaft und ausführlich mit der Frage „ Was könnte beim nächsten Kampf schlimmstenfalls passieren? ” auseinander setzt. Er müsste das Sanders–Trauma mit professioneller Hilfe aufarbeiten u.v.m. Das können und dürfen Laien nicht in Angriff nehmen ( wenn ich mir den Blinddarm herausnehmen lasse, gehe ich ja auch nicht zum Nachbarn, sondern zum Arzt ). Leider ist gerade in Deutschland die Sportpsychologie noch nicht sehr populär. Den Preis für die ebenso albernen wie rückschrittlichen Vorbehalte bezahlen die Sportler/innen. Wladimir hat bezahlt. Ob er nun daraus lernt oder erkenntnisresistent bleibt, wird über seine Zukunft als Boxer entscheiden.

Beim jetzigen Status Quo müsste er ganz neu anfangen und sich als Mensch einmal selbst ernst nehmen. Mit der einfachen Methode von Aufbaukämpfen ist das nicht zu leisten. Die „ Aufbau ”kämpfe, die Wladimir absolvieren musste, dürften das Trauma nämlich nur noch verstärkt haben! Denn Wladimir ist ja kein tumber Schläger, sondern ein intelligenter und sensibler Mensch, der sehr wohl wahrgenommen hat, dass das Publikum beim Moli–Niederschlag pfiff und beim nachfolgenden Kampf von „ Fallobst ” gesprochen wurde. Häme, Spott und Abwertung sind aber Gift für die Psyche.

Auch wenn es in die Hirne von manchen nicht hineingehen wird oder will: Dieser ganze Wahnsinnsdruck seit dem 3. März 2003, der stetig neue Facetten bekam und eskalierte, kann bei einem Menschen zu Fehlfunktionen führen, die beispielsweise eine Hemmung der Alarmfunktionen im Körper bewirken und letztendlich zum Kollabieren des gesamten Systems beitragen.

Wer vor dem skizzierten Hintergrund weiterhin eindimensionale Symptombehandlung und Ursachenzuschreibung betreibt, handelt fahrlässig.

Aus psychologischer Sicht kann man zusammenfassend sagen, dass sich Klitschko „verheizen” ließ, weil er sich einer objektiven Situationsanalyse verweigerte und so ein Fehlschluss den anderen jagte. Das ist schlicht und einfach unprofessionell.

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